WeltBetriebsanleitung, oder: Warum nachhaltig nicht nachhaltig ist

Alle, die die Welt retten möchten, heben mal kurz die Hand!

Sehr gut, die absolute Mehrheit also, wie ich sehe. Aber welchen Teil der Welt wollen wir denn retten? Die Menschheit? Die Weltmeere? Die Demokratie? Die Eisbären? Und wie radikal würden wir dieses Ziel verfolgen?

Darf man Wasserkraftwerke in naturbelassene Flusstäler stellen, um erneuerbare Energien zulasten der Artenvielfalt zu fördern? Rechtfertigt die Müllvermeidung durch das neue Pfandsystem in Österreich den Mehrausstoß an CO2, weil schwerere Gebinde transportiert werden müssen? Ist eine autokratische Planwirtschaft besser geeignet, soziale Ungerechtigkeit zu beseitigen, als kapitalistische Demokratie? Wiegt die Umweltzerstörung durch den Abbau seltener Rohstoffe die Vorteile der Energiewende auf?

Retro-Mischpult der Komplexität

Einfache Antworten gibt es nicht, weil das System komplex ist – das Drehen an einer einzelnen Schraube hat unkontrollierbare Auswirkungen an tausend anderen Stellen. Darum geht es auch beim Projekt „G80“ des Schweizer Kollektivs Fragmentin: Am Wochenende war ich auf Einladung der Grünen Wirtschaft in der neuen Ausstellung Connected Earth im Ars Electronica Center. Auf künstlerische Weise macht sie die globale Zusammenhänge zwischen Mensch, Natur und Technik erfahrbar.

Das Exponat, das mich am nachhaltigsten (Muahaha!) beeindruckt hat, war dieses Retro-Mischpult mit 80 Reglern, die allesamt für einen globalen Parameter stehen, etwa Umweltschutz, Gender Equality, faire Arbeitsbedingungen oder Biodiversität. Aber auch für Kapitalismus, Automatisierung und KI. Schiebt man einen Regler nach oben, will ihn also sozial, ökonomisch und politisch hochfahren, löst das eine wahre Kaskade bei den anderen 79 Reglern aus – manche gehen genauso nach oben, andere nach unten. Oft sind die Zusammenhänge überraschend, manche bei näherer Betrachtung nachvollziehbar, wieder andere bleiben ein Rätsel.

Bild: Ars Electronica Center / Birgit Cakir

Das Projekt G80 zeigt damit zweierlei: Wir Menschen spielen an den Reglern des globalen Systems, ohne die komplexen Zusammenhänge auch nur im Ansatz nachvollziehen zu können.

Und zum anderen: Wenn sich heute alle als nachhaltig bezeichnen, dann ist es wichtig zu klären, von welcher Nachhaltigkeit Unternehmen, Parteien, wir Bürgerinnen und Bürger sprechen. Denn Umweltschutz ist nicht Naturschutz ist nicht Klimaschutz ist nicht Menschenschutz.

Wenn wir uns im Klaren sind, welche persönlichen, gesellschaftlichen und globalen Ziele wir verfolgen, können wir bewusster entscheiden, welche Parameter wir dafür ändern wollen und müssen. Und dann dieses Engagement gezielt kommunizieren.

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