La Redaction, c’est moi!

Die Welt geht den Bach runter. Schon wieder.

Dieses Mal ist das Zerbröseln des gesellschaftlichen Zusammenhalts der Anlass für Untergangsfantasien: Filterblasen, Fake News, KI-generierter Schwachsinn und verborgene Propaganda – schon sind wir mitten in der kollektiven Erregung, die der Medienwissenschafter Bernhard Pörksen in seinem Buch „Die große Gereiztheit“ aus dem Jahr 2018 beschreibt. Also in einer Zeit vor Corona, Ukrainekrieg, Sturm aufs Capitol und dem Vormarsch der Künstlichen Intelligenz. Na hui.

Vieles an dem, was Pörksen schildert, hat sich seither kaum geändert. Sicher sind neue „soziale“ Medien zu Hauf aufgeploppt und Künstliche Intelligenz erleichtert die Generierung von (strategisch nützlichem) Unfug, aber die fünf großen Kommunikationskrisen, die Pörksen ausführlich analysiert, behalten ihre Gültigkeit:

  • die Wahrheitskrise (die sich durch das exponentielle Wachstum von Fake News sogar noch verschärft hat),
  • die Diskurskrise (oder der rauer werdende Umgangston),
  • die Autoritätskrise (oder die öffentliche Erosion von Führungspersonen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, etc.),
  • die Behaglichkeitskrise (oder die Omnipräsenz Stress generierender Informationen)
  • und schließlich die Reputationskrise mit der Möglichkeit, dass jede und jeder zur Zielscheibe eines veritablen Shitstorms werden kann.

Pörksen beschränkt sich in seinem Buch allerdings nicht auf die Beschreibung bedenklicher oder bedrohlicher Entwicklungen, die zur „großen Gereiztheit“ führen, sondern ordnet sie historisch ein und stellt ihnen die „konkrete Utopie einer redaktionellen Gesellschaft“ entgegen. Darin skizziert er die Vision eines öffentlichen Diskursraumes, in dem alle – Kommunikationsprofis genauso wie Userinnen, Blogger und Influencerinnen – nach den Regeln des klassischen Journalismus entscheiden, welche Informationen, Bilder, Videos oder Kommentare sie mit der weltumspannenden Online-Community teilen. Publizistische Werte wie Wahrheitsorientierung, Skepsis, Proportionalität oder Kritikfähigkeit sollen bereits in der Schule und später – im Erwachsenenalter – in eigenen Kursen vermittelt werden. Jede und jeder wird zu seiner eigenen Redaktion – la redaction, c’est moi!

Jetzt habe ich selbst jahrelang in verschiedenen Redaktionen gearbeitet und erlebt, dass diese Regeln leider auch von Profis in Qualitätsmedien nicht immer eingehalten werden – da wird es den kommunikativen Laien nicht unbedingt leichter fallen. Aber als Lernziel in der Medienbildung und als gesellschaftliche Vision sind die genannten Punkte von Pörksen eine gute Richtschnur, wohin die Reise gehen kann. Nämlich hin zur „Autonomie und Selbstverantwortung des Menschen und seine(r) Fähigkeit, mit anderen auf gute Weise in Freiheit zu leben“.

Ein Kommentar zu “La Redaction, c’est moi!

Hinterlasse einen Kommentar