Wütend, Dumm und Feige

Nein, das ist keine Schimpftirade gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Und eigentlich auch keine Rezension, obwohl es ursprünglich eine solche werden sollte. Sondern eine Geschichte über Zivilcourage und die unmittelbare Macht der Worte. Aber der Reihe nach.

Heidi Kastner erforscht als forensische Psychiaterin die Abgründe der menschlichen Seele und ist mit ihren Analysen der Psyche von Verbrecherinnen und Verbrechern (mehrheitlich hat sie mit Männern zu tun) eine gefragte Interviewpartnerin in den Medien. Ich habe sie schon bei unterschiedlichen Anlässen live erlebt und schätze ihre pragmatische Weltsicht.

Nun ist ein neues Buch von ihr erschienen: Nach Werken über „Wut“ und „Dummheit“ widmet sie sich in ihrem brandaktuellen Essay der „Feigheit“ und wie diese Emotion unterschiedliche Verbrechen begünstigt – weil man keine Fehler eingestehen, sein Gesicht nicht verlieren oder keine Konsequenzen tragen will. Und weil es manchmal bequemer ist, wegzuschauen anstatt einzugreifen.

„Sowohl der, der handelt, als auch der, der zusieht und nicht handelt, trägt Verantwortung“

Heidi Kastner

Die unmittelbare Macht der Worte

Wie es das Schicksal so will, lese ich gerade in der Straßenbahn in dem Buch, als ein offensichtlich Betrunkener quer durch die Garnitur gegen „Tschuschn“ zu schimpfen beginnt, dass man sie alle verprügeln und „ausseschmeißn“ müsse. Die ersten Wortmeldungen versuche ich zu ignorieren. Da er aber nicht aufhört und ihm sonst niemand in der ganzen Bim widerspricht, stelle ich mir die Frage: Wird mich heute Abend eher beschäftigen, wenn ich interveniert und mich einer möglichen Gefahr ausgesetzt habe oder wenn ich weiterhin Augen und Ohren verschließe? Die Antwort ist klar.

Also stehe ich auf, gehe zu ihm hin und sage ihm, dass es reicht und er seine Meinung gerne für sich behalten könne. Obwohl er jetzt mich als „Tschusch“ und „Schwuchtel“ beschimpft und mir droht, „i hau da ane eini“ (unwahrscheinlich, dass er trifft bei dem Alkoholisierungsgrad), bleibe ich direkt neben ihm stehen, bis er aussteigt. Sobald er weg ist, bedankt sich eine Frau bei mir für mein Einschreiten, sie habe sich nicht getraut – etwas, das ich allzu gut verstehen kann.

Die Moral der Geschichte? Ich weiß nicht, ob es eine gibt. Außer, dass die richtigen Worte zum richtigen Moment die nötige Portion Mut verleihen. Und dass ich einen Grund mehr habe, Heidi Kastner zu schätzen.

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